Auf ihre Sicherheit hält sich die Marke Volvo einiges zugute. Das Zweikreis-Bremssystem, aufgeregt klickende Gurtwarner, gewaltige Stoßstangen: An „Sicherheit aus Schwedenstahl“ kam eigentlich nur Mercedes-Benz heran. Dann kam die große NCAP-Standardisierung, die Schweden verloren ihre Sonderstellung. Jetzt wird wieder öffentlich über Sicherheit diskutiert – allerdings in Zusammenhang mit einem bestürzenden Unfall. Eine Frau wurde überfahren. Von einem autonom fahrenden Volvo.

Foto: NTSB

Es geht um das im August 2016 vorgestellte 300-Millionen-Dollar-Projekt von Volvo und dem Mobilitätsdienstleister Uber. „Indem wir die Fähigkeiten von Volvo und Uber zusammenführen, kommen wir schneller in der Zukunft an“, diktierte Ex-Uber-Chef Travis Kalanick den Journalisten damals in die Feder. Die Kooperation gilt als großer Coup von Volvo-Chef Hakan Samuelsson.

Alle machen mit

Die Visionen von Volvo und Uber werden von der Branche geteilt – jedenfalls offiziell. Nahezu alle Hersteller arbeiten am autonomen Fahren. Die Vision von selbstfahrenden Autos gibt es schon lange; Zukunftsforscher träumen seit Jahrzehnten davon. Gesalbt werden diese Visionen durch das Diktum der Bundeskanzlerin, in 20 Jahren werde man eine Sondergenehmigung benötigen, um sich noch selbst ans Steuer zu setzen.

Die Zusammenführung längst etablierter Assistenzsysteme führt dazu, dass unter idealen Bedingungen ein entsprechend ausgerüstetes Serienauto schon heute über lange Strecken ohne Fahrerinterventionen fahren kann. Doch bei den etablierten Herstellern muss der Fahrer dem Auto in kurzen Abständen bestätigen, dass er noch die Kontrolle besitzt. Tesla, der „Visionär“ unter den Automobilherstellern, hat darauf verzichtet und sein teilautonomes System auf den irreführenden Namen „Autopilot“ getauft. Ein vertrauensseliger Fahrer hat es 2016 bereits mit dem Leben bezahlt, weil ein querender Lastwagen schlicht übersehen wurde.

Uber Volvo XC 90

Vollautonome Fahrzeuge brauchen eine große Anzahl von Sensoren und immense Rechenkapazität. Das intuitive Verhalten von Menschen, die nonverbale Kommunikation und das Einfühlungsvermögen können sie trotzdem nur unzureichend simulieren. Mal agiert die Elektronik übervorsichtig und lebensfern, mal wird sie die Risiken nicht erkennen. Es ist kaum vorstellbar, in absehbarer Zukunft mit einem autonomen Fahrzeug den Kreisverkehr am Arc de Triomphe oder eine beliebige Straße in Manhattan zu befahren, ohne multiple Vorschriften zu verletzen. Nissan spricht bereits davon, dass die Autos in komplizierten Situationen ferngesteuert werden sollen.

Sonderspuren für autonome Autos?

Autonome Autos, wie sich nun in unbarmherziger Weise gezeigt hat, funktionieren am besten, wenn die Verkehrsmittel strikt getrennt sind – in eigenen Spuren und auf eigenen Straßen. Das haben die Verkehrsplaner übrigens schon einmal versucht. Kommt das Konzept der „autogerechten Stadt“ der 60er-Jahre noch einmal zurück, dem viele Ballungszentren die breiten Hochstraßen und Betonschneisen zu verdanken haben?

Auszuschließen ist es nicht, denn für viele Interessengruppen ist das autonome Fahrzeug einfach zu verlockend: Amazon, Google und Co. rechnen mit vielen Stunden, in denen der Passagier sich nicht mehr mit dem Fahren beschäftigt, sondern – das Smartphone bedienend – ununterbrochen Daten liefert und Einkäufe tätigt. Mobilfunkanbieter freuen sich auf die gewaltigen Datenmengen, die über das teuer auszubauende 5G-Netz laufen sollen.

Die Politik wiederum könnte über die „autonomen“ Autos die Autonomie des Fahrers rigoros einschränken: Künftig entscheidet nämlich nicht mehr der Fahrer, sondern die Maschine, wie gefahren wird und potentiell auch, wohin. Beziehungsweise ob. Und schließlich erfüllt sich ein alter sozialistischer Traum: Im Rahmen der neuen, von der Industrie übrigens hochgepriesenen Mobilitäts-Modelle wird das Privatauto als Symbol für Status, Freiheit und Eigentum weitgehend entsorgt.

Verstörendes Szenario

Jetzt ist in der Stadt Tempe im US-Staat Arizona, obwohl eine Aufpasserin namens Rafaela Vazquez an Bord war (sie hat übrigens eine Verurteilung wegen Raub auf dem Kerbholz), die 49-jährige Elaine Herzberg von einem vollautonom fahrenden Versuchsfahrzeug überfahren und tödlich verletzt worden. Der Zwei-Tonnen-Roboter in Gestalt eines Volvo XC90 hat die Gefahrensituation offenbar überhaupt nicht erkannt.

Es ist ein Unglück, wenn Menschen am Steuer Unfälle passieren, und es ist zu begrüßen, dass heute verschiedene Assistenzsysteme die Gefahren verringern. Doch letztlich bleibt der Mensch verantwortlich, er muss sein Fehlverhalten erklären und sich gegebenenfalls vor Gericht und damit vor der Gesellschaft verantworten.

Nun lockt eine andere Welt, geprägt von der Vision vom „autonomen, unfallfreien Fahren“. Wenn etwas passiert, wird man die Verantwortung auf den Algorithmus oder einen verschmutzten Sensor schieben. Mit dem ersten Todesopfer durch ein unzulängliches Roboterfahrzeug sind wir in einem dystopischen Szenario angekommen.


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QuelleVolvo
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