Tradition und Moderne: Wie kaum eine andere Stadt im Maghreb verbindet Marrakesch Kultur und Lebensart mit wirtschaftlicher Potenz. Hier wird zum Saisonauftakt ein Rennen der neuen WTCR-Serie ausgetragen. Die WTCR ist von der FIA sanktioniert und entstand aus der WTCC Serie, seit 2018 als „World Cup“. Die technischen Regularien wurden von der TCR-Serie übernommen, die sich seit 2015 im Rekordtempo als Alternative zu den traditionellen Rennserien etabliert hat.

Der Kurs in Marrakesch ist anspruchsvoll und eng; es gibt auf knapp 3 Kilometern eigentlich nur eine Stelle, an der man überholen kann. Der Begeisterung tut das keinen Abbruch, und das liegt nicht nur an Lokalmatador Mehdi Bennani, der im 2. Rennen den 2. Platz holen sollte, wofür er von den Marokkanern frenetisch gefeiert wurde. Er ist einer der wenigen afrikanischen Rennfahrer und war in den letzten zwei Jahren jeweils marokkanischer Sportler des Jahres. Am 2. Renntag trafen viele Fans ein, ausgerüstet mit großen marokkanischen Fahnen, traditionellen Trommeln und Schellen.

In Marrakesch dominierte Hyundai mit dem Fahrer Gabriele Tarquini auf dem i30 N TCR. Aber für diesen Sieg müssen die Koreaner bezahlen: Durch die „Balance of Performance“ werden sie deutlich schwerer in die nächsten Rennen gehen. Denn in der WTCR werden Gewinnerfahrzeuge in den Folgerennen mit Zusatzgewicht eingebremst. Tatsächlich ist es durchaus Taktik, in den ersten Rennen nicht ganz vorne zu liegen. Denn es kommen noch schnellere Kurse, auf denen sich das Zusatzgewicht viel deutlicher auswirkt.

Eine eigenständige Serie

Im Vergleich zu anderen Rennserien zeichnet sich die WTCR durch zahlreiche Eigenheiten aus. Eine besonders sympathische davon ist die große Seriennähe. Die Zuschauer können sich besonders gut damit identifizieren, und die Fahrzeuge sind sehr ausgeglichen.

Im Vergleich zum letzten Jahr wurde die Leistung um 10 PS auf 340 PS gesenkt. Die Motoren entsprechen zu 98% der Serie, eigenständig ist eigentlich der Ölkreislauf mit Zusatzkühler. Der Motor kommt vom Band und hält problemlos eine Saison; das ganze Auto besteht zu fast 70 Prozent aus Serienteilen.

Nicht nur VW, sondern auch Audi und Seat sind beteiligt, und alle TCR-Autos des Konzerns werden bei Seat nahe Barcelona zusammengebaut. VW liefert die Golf-Rohkarosse an, Dämpfer und Federn sind gleich, aber jedes der drei Modelle hat sein eigenes Setup und Mapping. Die Aerodynamik des Golf GTI ist der Konkurrenz übrigens derzeit leicht unterlegen.

Insgesamt sind aktuell 24 Fahrzeuge unterschiedlicher Marken im Feld, nächstes Jahr kommen Renault und Volvo dazu. Dann werden es 30 Fahrzeuge sein, das Feld ist damit gleichsam vollzählig.

Für Volkswagen ist die TCR nur eines von mehreren Projekten; die Projekte Rallyecross, Pikes Peak, WTRC und GTI R5 sind „gleich spannend, binden fast genauso viele Mitarbeiter ein und macht den VW Motorsport vielfältiger“, so VW-Motorsport-Direktor Sven Smeets.

Smeets selbst war viele Jahre lang Beifahrer in der WRC; er kam mit Sébastien Ogier zu Volkswagen. Die Umstellung bei VW Motorsport nach dem Ausstieg aus der WRC war groß: „Die WRC war 20mal aufwendiger, und nur 2 Prozent der Teile entsprachen der Serie“, so Smeets. Doch von den ursprünglich 190 WRC-Mitarbeitern sind immer noch 170 dabei. Und man schreibt eine „schwarze Null“, obwohl die Rennserie für die Kunden äußerst erschwinglich ist.

Wenn ein Auto nicht kaputt gefahren wird, so Smeets, koste die Saison rund 150 000 Euro. Darin enthalten ist der Golf GTI TCR mit Renngetriebe für 115 000 Euro. Damit liegt VW im Konkurrenzvergleich übrigens am unteren Ende.

Und so ist auch das Feld der Piloten stark diversifiziert; es besteht in der WTCR aus „Youngstern, Profis und Gentlemen Drivers“, so Smeets. Letztere machten rund 10 Prozent aus. Die Serie hat ein hohes Sicherheitsniveau, und es ist durchaus möglich, ein Auto über mehrere Jahre hinweg zu fahren. Und VW hat sich festgelegt: Auch vom kommenden Golf VIII wird es eine TCR-Version geben.

Niedrige Kosten

„Alle Hersteller ziehen an einem Strang“, schwärmt Smeets und erläutert: Da die Teams eigenständig sind und nur Werksunterstützung bekommen, müssen die Hersteller nicht in eine Kostenschlacht eintreten. Das Team Loeb Racing beispielsweise hat sich bis auf Castrol alle Sponsoren selber suchen müssen.

Was würde Smeets ändern wollen? Nicht viel. Das Qualifying sei mit 40 Minuten etwas zu lang, sagt er nach einiger Überlegung. Und er würde sich ein Rennen in USA wünschen, da der Golf GTI in Amerika als „Hot Hatch“ im Markt besonders stark ist. Mehr vom gleichen: Die Begeisterung, die in Marrakesch für die sympathische Rennserie zu spüren war, könnte auch jenseits des Atlantiks das Rennfieber entfachen.


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QuelleMatthias Knödler
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