Als ich den damaligen Mercedes-Benz-Chef Jürgen Hubbert kurz vor seiner Pensionierung noch einmal interviewen durfte, fragte ich ihn, ob die Industrie sich so entwickelt hätte, wie er es erwartet hat. „Mister Mercedes“ antwortete sinngemäß: Mitte der 80er-Jahre sei die Stimmung am schlechtesten gewesen; damals hätte man daran gezweifelt, dass es mit der individuellen Mobilität überhaupt weiterginge und sich gefragt, ob die Leute in Zukunft noch Autos fahren würden.

Die Attacken auf das Automobil waren damals scharf. Das grausige Märchen vom „Waldsterben“ spukte noch in den Köpfen herum, und Autogegner schossen sich derart auf die freie Fahrt ein, dass sich die Bundesregierung bemüßigt fühlte, einen aufwendigen Tempo-100-Großversuch anzusetzen. Für Daimler wurde es die Zeit der Diversifizierung; man steckte die exorbitanten Gewinne in branchenfremde Unternehmen wie AEG oder Dornier. Es ist dem Konzern nicht gut bekommen.

Wer hätte gedacht, dass die Untergangsstimmung noch einmal zurückkehrt? Seit Wochen wird von der Politik und Teilen der Medien versucht, die Autoindustrie sturmreif zu schießen. Initialzündung war der „Dieselskandal“, der sich um jene prüfstandsoptimierten Motorenabstimmungen dreht, die sich in einer rechtlichen Grauzone bewegen. Dies war zumindest in Europa durchaus akzeptiert. Die Situation erlaubte es der Politik, sich mit drastischen Forderungen aufzuplustern, während die Industrie Zeit für die Entwicklung gewann. Früher hätte man diese Forderungen vielleicht bekämpft, denn medizinisch relevant sind die Fortschritte längst nicht mehr. Gleichwohl ist die Thematik mit den neuen Real-Life-Emissionen, die für alle ab Herbst 2017 zertifizierten Autos gelten, nicht nur in der Lebensrealität, sondern sogar auf dem Papier für alle Fahrzustände gelöst. Mit hohem finanziellen Aufwand.

Für die Gegner des Verbrennungsmotors schließt sich gleichzeitig die Tür, denn die Skandalisierungen laufen objektiv zunehmend ins Leere. Wird deshalb in diesen Tagen aus allen Rohren geschossen?

Das letzte Aufgebot?

Gestern abend hatte ich am Steuer eines Audi Q5 TDI (!) das zweifelhafte Vergnügen, in einem Beitrag des Deutschlandradio Kultur (sic) Ausschnitte eines Videos zu hören, das ich vor Jahren mit dem damaligen Audi-Aggregatechef und späteren Entwcklungsvorstand Stefan Knirsch drehen ließ. In öffentlich-rechtlicher Fake-News-Manier sind die Aussagen so zusammengeschnitten, dass Knirsch als skrupelloser Vollgas-Fanatiker erscheint. Und es geht noch primitiver. In einem weiteren Beitrag fragt ein Sprecher des Deutschlandfunks, angebliche Bürgersorgen reflektierend: „Wie werde ich meinen schmutzigen Drecks-Diesel los?“

Zu der Empörung über zu hohe Abgaswerte ist die Keule des Kartellrechts getreten, wesensmäßig hochpolitisiert, mit schwer definierbaren Tatbeständen. Die der Autoindustrie vorgewerfenen Absprachen grenzen ans Lächerliche; Sebastian Viehmann amüsiert sich auf focus.de zu Recht über das „vorenthaltene 250-km/h-Cabriodach“. Die Empörung über „Kartelle“ dampft aus den gleichen Redaktionsstuben, die sich über fehlende Absprachen bezüglich Elektrosteckern und Aufladestrukturen erregen.

Und schon erscheint das nächste Thema auf der Tagesordnung: Polizist Dieter Schäfer aus Mannheim hat beim Flensburger Kraftfahrt-Bundesamt ein Auto gemeldet, dessen Klappenauspuff oberhalb des Messkorridors lauter sei. Anstatt den eifrigen Schutzmann auf die Gesetzeslage zu verweisen, kündigt das KBA beflissen Nachforschungen an. Ob man dabei auf bisher unbekannte Erkenntnisse stößt?

Auf den ADAC als Verteidiger der Ratio kann sich die Industrie ebenfalls nicht mehr verlassen; dort gibt man sich in geradezu aufreizender Weise pseudokritisch und besorgt. Nun rächen sich die Distanzierungen, mit denen auf den Sturz des „Gelben Engels“ reagiert wurde – einer guten Idee, die an den Unzulänglichkeiten eines einzelnen scheiterte. Damals wurde dem ADAC die Solidarität entzogen, jetzt revanchiert er sich. (Und darf sich nicht wundern, wenn die o.g. Qualitätspresse gleich den VCD zitiert.)

Auch aus Großbritannien kommen schlechte Nachrichten. Ab 2040 sollen keine Autos mit Verbrennungsmotor mehr zugelassen werden, verkündete die Regierung jüngst. Man könnte sich über diese Anmaßung dieses Kabinetts amüsieren, das ja keineswegs auf 23 Jahre gewählt ist. In einer Runde mit englischen Fachjournalisten – es ist zwei Tage her – wird berichtet, die Ankündigung sei ohne jegliche öffentliche Diskussion kommuniziert worden. Und sie käme beim Volk nicht besonders gut an. Das hat nämlich etwas dagegen, wenn man ihm Vorschriften machen will: „Und Plug-In-Hybride versteht der einfache Mann nicht.“ – „Sie etwa?“ versetze ich. Gelächter.

Auch für die E-Mobilität ist es übrigens keine gute Woche. Aus den USA ist zu hören, dass Mitsubishi den vollelektrischen i-MiEV endgültig vom Markt genommen hat. Und bei Tesla sind trotz des gewaltigen Hypes um den Model 3, von dem gerade 30 zusammengezimmerte Vorserienautos an handverlesene Mitarbeiter verteilt wurden, bereits 63 000 Kunden wieder abgesprungen. Die Wartezeit ist ihnen zu lang.

Wie es mit der individuellen Mobilität weitergeht, hängt davon ab, welche Beharrungskräfte die Autoindustrie aufbringen kann; immerhin bildet sie das Rückgrat der heimischen Wirtschaft. Unterdessen betätigte sich die Bundeskanzlerin laut „Spiegel“ unlängst als Kassandra: Jeder wisse, dass die Autoindustrie in ihrer heutigen Form nicht überleben werde. Eine kühne Ansage, aber seit den 80er-Jahren ist erstmals nicht auszuschließen: Wir schaffen das.


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QuelleDaimler
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