Ich habe ein Geständnis abzulegen. Ich mag das Konzept eines Elektroautos nicht. Der Reiz des Autofahrens speist sich aus der Interaktion von Auto und den Sinnen des Fahrers – je intuitiver, desto besser. Aber es wird Zeit für mich – Zeit, das erste Elektroauto seit dem Jahr 2002 zu fahren. Damals war es ein Autoscooter 2002. Seitdem habe ich sie vermieden wie die Plage.

Na gut, ich bin einen Hybriden gefahren. Er habt mir sogar gefallen. Zwar nicht der Prius, aber der Porsche 918 Spyder hat mich überzeugt. Ich bin also bereit, der Umwelt eine faire Chance zu geben…

Zurück zum Jaguar. Das I-Pace ist das erste vollelektrische Auto der Marke; man ist direkt mit einem SUV gestartet, der rein batteriegetrieben ist. Die Feststellung, daß der Markt interessant geworden ist, ist nach den Disruptionen eines Elon Musk eine Untertreibung. Die Premium-Hersteller drängen in den Markt – und jeder will ein Stück vom elektrifizierten Kuchen haben. SUVs sind ohnehin der Trend des Jahrzehnts.

Beim Einstieg in den I-Pace sieht alles auf den ersten Blick ganz normal aus – elegant, gut verarbeitet, mit ansprechend gestylten digitalen Displays. Doch mit dem Druck auf die „Start“-Taste ändern sich die Dinge schnell. Zunächst bleibt es still im Auto, und das ist schon einmal ungewöhnlich. Dann drücke ich auf das Fahrpedal, und auch an die lautlose Beschleunigung kann man sich gewöhnen. Aber die starke Verzögerung, wenn man den Fuß vom Fahrpedal nimmt, ist unglaublich bizarr.

Manche finden diese Extrem-Rekuperation sportlich. Aber wenn man um die Ecke rollt oder den Fuß vom Gas nehmen möchte, um sanft auf eine Ampel hinzugleiten, steht man, bevor man merkt, was überhaupt los ist. Dies erfordert eine Neukalibrierung des Gehirns, für die ich keine Zeit hatte. Glücklicherweise läßt sich die regenerative Funktion deaktivieren. Dann kann man bremsen, wie man es gelernt hat, und hier sind wir bei meinem nächsten Kritikpunkt angelangt: Dem völlig fehlenden Bremsgefühl des I-Pace.

Natürlich werden alle Elektroautos von dieser Eigenschaft geplagt, ich habe versucht, sie zu verdrängen und mich einfach auf die Suche nach sportwagentauglichen Straßen gemacht. würde und wurde nicht enttäuscht.

Abgesehen von der geradezu unheimlichen Stille und dem schwachen Bremsgefühl hat mich der I-Pace auch von den Vorteilen der Elektrifizierung überzeugt. Wenn die 696 Nm Drehmoment zupacken, wird man geradezu elektrogeschockt. Trotz 2,2 Tonnen Leergewicht braucht der I-Pace nur 4,8 Sekunden von 0 auf 100 km/h. Das Beschleunigen fühlt sich surreal an und es ist seltsam befriedigend, ihn lautlos und geradeaus in Richtung Horizont zu peitschen.

Ein artifizielles Fahrgefühl

Weniger erfreulich ist das Kurvenverhalten. Die Seitenneigung ist deutlich spürbar, schnelle Lastwechsel machen dem Fahrwerk zu schaffen. Körperrollen, wenn du dich wirklich bewegst. Und die Bremsen sind vom hohen Gewicht des I-Pace etwas überfordert. Die Lenkung gibt übrigens in keinem der drei Fahrmodi wirklich gute Rückmeldung. Das Auto fühlt sich klinisch an.

Bei flottem Fahrstil wird der I-Pace kaum die Hälfte seiner angeblich 480 Kilometer Reichweite erreichen; schon um 80 Prozent davon nachzuladen, braucht er an einem herkömmlichen Stromanschluß volle 10 Stunden. Dies fällt auf 45 Minuten, wenn das Glück eines Zugangs zu einer 100kW-Schnelladestation haben.

Die Sitzposition ist übrigens perfekt und das Cockpit durchdacht. Wenn man anfängt, mit den Einstellungen in den Untermenüs herumzuspielen, erweist sich der Touchscreen jedoch als etwas nervig. Es gibt einen Grund dafür, daß BMW, Audi, Mercedes-Benz und andere immer noch eine Vielzahl von echten Schaltern besitzen: Sie sind einfacher und intuitiver. Platz bietet der I-Pace übrigens reichlich. Dennoch: Es gibt noch viel Raum für Verbesserungen bei diesem Jaguar – insbesondere in Anbetracht des Preisschildes, das rund 70 000 Euro ausweist.

Natürlich treffen die Nachteile des I-Pace auf fast alle anderen Elektroautos auf dem Markt zu. Und ich frage mich ohnehin, wie es gelingen kann, das Fahrerlebnis so zu differenzieren wie bei einem Fahrzeug mit Verbrennungsmotor. Werden sich die Eigenschaften jemals spürbar unterscheiden oder werden Klang, Kraftübertragung, Lenkgefühl und Gasannahme weitgehend homogenisiert?

Für durchschnittliche Fahrer dürfte der I-Pace die meisten, wenn nicht alle Anforderungen erfüllen, und ich zweifle nicht daran, daß er sich gut verkaufen wird. Es ist eine kleine Minderheit von Enthusiasten, die am Auto das interaktive Erlebnis lieben, die fahren, um Nervenkitzel und die Freiheit zu erleben. Vermutlich hat es nicht geholfen, daß ich die wenige Tage vorher einen McLaren 720S und einen Morgan Threewheeler gefahren bin…


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QuelleJaguar
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