Der Urvater der Hybrid-Modelle, der Toyota Prius, war von vornherein als Solitär konzipiert; die meisten Konkurrenten sind lediglich von normalen Modellen abgeleitet. Jetzt hat Kia ebenfalls einen reinen Hybriden auf den Markt gebracht: Den Niro – verfügbar als Vollhybrid sowie als Plug-In-Hybrid, der über einen so großen Akku verfügt, dass knapp 60 Kilometer rein elektrisch zurückgelegt werden können. Mit diesem Ansatz sollten sich die Vorteile eines Hybriden voll ausschöpfen lassen.

In den Proportionen sortiert sich der Niro irgendwo zwischen Kompaktklasse und Crossover ein; die Bodenfreiheit ist erhöht, aber man weiß nicht so richtig, warum. Ins Gelände wird den Niro kaum jemand zwingen, und er würde dort mangels Allradantrieb auch keine glänzende Vorstellung abgeben. Die Formgebung ist erstaunlich brav und konventionell; ein derart uninspirierte Linie hätten wir aus dem Atelier von Peter Schreyer eigentlich nicht mehr erwartet.

Der Eindruck setzt sich im Interieur fort. Das Ambiente ist gefällig, aber keinesfalls zukunftsweisend. Vor einigen Jahren setzte das Infotainment-System von Kia Maßstäbe, heute ist es nur noch adäquat. Und in einigen Punkten überholt: Wenn das Navigationssystem die elektrische Reichweite visualisieren soll, werden beispielsweise bei Audi oder BMW Straßennetz und Topographie berücksichtigt. Bei Kia tut es ein Kreis, der in strenger Geometrie um den jeweiligen Standort des Fahrzeugs gezogen wird.

Das könnte man verzeihen angesichts phänomenaler Verbrauchswerte. Ganze 1,3 Liter Benzin soll der Niro Plug-In Hybrid auf 100 Kilometer verbrauchen. Dieser Zertifizierungswert ist in der Realität allerdings bedeutungslos; er ist Ausfluß des politischen Willens, die Elektrifizierung dirigistisch voranzutreiben.

Politische Verbrauchswerte

Wer nur Kurzstrecken zurücklegt und seinen Niro regelmäßig ans Kabel legt, muss praktisch nie tanken und wird dann auch in der Nähe des Zertifizierungswertes landen. Wer jedoch längere Strecken zu absolvieren hat, kommt locker auf 6 bis 8 Liter pro 100 Kilometer – kaum besser als ein regulärer Ottomotor und sicher nicht so gut wie ein Diesel.

Dabei kommt am Steuer des Niro wenig Begeisterung auf – trotz nominell achtbarer 141 PS Systemleistung. Der Spurt von 0 auf 100 km/h nimmt betuliche 10,8 Sekunden in Anspruch, und die Spitze liegt bei nur 172 km/h. Schon ein 85-PS-Einstiegs-Golf zeigt dem Niro mit 180 km/h die Rückleuchten. Übrigens: Es ist im Niro auch mit vollgeladenen Batterien kaum möglich, rein elektrisch unterwegs zu sein. Zwischendurch schaltet das System unaufgefordert immer wieder den Verbrenner auf.

Man sitzt in diesem Kia bequem, das Interieur ist variabel – doch der Gepäckraum ist mit 324 Litern ausgesprochen klein geraten. Schließlich sitzt darunter der Lithium-Ionen-Polymer-Akku, der entweder über die Steckdose oder – besonders ineffizient, aber wohl sauberer – im Sport-Modus über den Euro-6-Verbrennungsmotor aufgeladen wird.

Es ist immer wieder interessant, die Batterien hochzuladen und dann rein elektrisch unterwegs zu sein. Der Wechel zwischen den Antriebskonzepten ist kurzweilig und kommt dem Spieltrieb des Fahrers entgegen. Der Umwelt dienlich ist er wohl kaum.

Und auch nicht der Geldbörse. Stolze 32 350 Euro verlangt Kia für den günstigsten Niro mit Plug-In-Hybridantrieb, der Preis lässt sich sogar auf über 40 000 Euro treiben. Rund 7500 Euro spart, wem die gleich starke (aber nur 162 km/h schnelle) Vollhybrid-Version genügt. Wir würden uns mit dieser Variante bescheiden. Wenn es überhaupt ein Hybrid sein muss.


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QuelleKia
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