Doch, Mercedes-Benz hat schon einmal Boote gebaut. Aber das ist über 100 Jahre her. Als man 1909 den dreizackigen Stern als Markenlogo registrieren ließ, standen die drei Arme für Stadt, Land und Luft – und tatsächlich lief damals eine Bootsproduktion an. Doch die Autos verkauften sich besser, und Daimler-Benz kaprizierte sich rasch auf das lukrativere Geschäft.

Jetzt legen es die Stuttgarter noch einmal darauf an – gemeinsam mit Silver Arrows Marine. Das Ergebnis: Der Silver Arrow 460 GranTurismo – eine 14-Meter-Yacht, welche die Szene etwas aufmischen dürfte. Deshalb haben wir sie uns auch gründlich angesehen, und zwar direkt bei Silver Arrows Marine in Südfrankreich.

Das Boot entspringt einer relativ neuen Division namens Mercedes-Benz Style – gegründet am Ausgang des vergangenen Jahrhundets, um praktisch alles zu gestalten, was kein Auto ist, vom Hubschrauber über den Ausbau von Privatjets bis hin zu Sonnenbrillen und Accessoires fürs traute Heim. Ein Boot passt gut in diese Auflistung, und was 2007 mit ein paar Skizzen begann, hat sich 2012 im Rahmen eines Treffens mit den Yacht-Experten Bob Murray, Jacopo Spadolini und Paolo Bonaveri verdichtet: Silver Arrows Marine wurde gegründet. Man baut Silberpfeile fürs Wasser, und das erste Baby ist der Silver Arrow 460 GranTurismo.

Eine surreale Yacht

Schon das metallic-silber ist bei einer Yacht ein absoluter Hingucker – aber die Form ist nicht minder ungewöhnlich. Als die Maßgrößen feststanden, durften sich die Daimler-Designstudios um das Projekt bewerben – und gewonnen hat das Studio am Comer See, das sonst vor allem mit extravaganten Vorschlägen zum Interieur glänzt. Das Ergebnis ist absolut surreal: Diese Yacht sieht auch in der Realität aus wie ein Computer-Rendering.

Als Inspiration diente ursprünglich der SLS AMG, aber mit dem Fortschreiten des Projekts wurde das Design adaptiert, um sich nunmehr am S-Klasse-Coupé zu orientieren. Im seitlichen Aufriss wird die Verwandtschaft klar sichtbar.

Klar, dass ein Autohersteller etwas anders an die Fragestellungen im Yachtbau herangeht als eine klassische Bootswerft. Eine Gleichteilestrategie mit anderen Booten war zum Beispiel überhaupt kein Thema. Schon bei den Proportionen und der Raumausnutzung ist der Arrow 460 GranTurismo anders. Normalerweise haben Yachten dieser Größe ein kleines Deck hinten mit Kommandobrücke, ein Sonnendeck vorn – und eine Kajüte, die meist recht dunkel ist. Anders hier: Diese Yacht hat eine große Kabine, die für die verschiedensten Zwecke genutzt werden kann. So können die vorderen Fenster hydraulisch geöffnet werden, um eine Art Pergola zu schaffen. Die Seitenfenster können wie bei einem Auto versenkt werden. Und das Glas lässt sich per Knopfdruck oder App eindunkeln.

Um diese Proportionen zu verwirklichen, waren einige Sonderlösungen erforderlich. Eine davon ist ein spezieller Hebemechanismus für den Buganker. Und hinten lässt sich eine Plattform hydraulisch anderthalb Meter nach außen fahren, um leicht ins Wasser zu gelangen oder einfach um zu relaxen. Leichtbau spielt auch eine Rolle: Im Vergleich zu den ersten Konzepten ist das 11,6 Tonnen schwere Boot um 800 Kilogramm leichter geworden.

Das Holz in der Kabine des Arrow 460 GranTurismo entstammt direkt einigen Concept Cars von Mercedes-Benz, und die Belüftungdüsen kommen aus der S-Klasse. Unterhalb des Kommandostands gibt es zwei kleine Räume: Eine Pantry mit Kühlschrank und Spüle an Backbord, ein Waschraum mit Toilette, Dusche und Ankleide an Steuerbord. Der Rest der Kabine ist ein großer, offener Raum mit Sitzgelegenheiten, die sich in ein Doppelbett verwandeln lassen. Und natürlich wurde auch ein großer Flachbildschirm clever integriert. Obendrein gibt es Ambientelicht – wie in der S-Klasse. Insgesamt wurden 4 Kilometer Kabel verlegt.

Starke Performance

Wie der Name bereits sagt: Der 460 ist ein Gran Turismo, also ein Cruiser und kein Powerboot. Die Reisegeschwindigkeit liegt bei 26 Knoten, fast 50 km/h, die Spitze bei 70 km/h. Für Vortrieb sorgen zwei Yanmar-Dieselmaschinen mit jeweils 440 PS. Sie gehören zu den leisesten Maschinen auf dem Markt. Für einfaches Manövrieren gibt es ein Bugstrahlruder, das sich per Joystck bedienen lässt.

Die Markteinführung folgt Strategien, die ebenfalls der Welt des Automobils entnommen sind: Die ersten 10 Einheiten hören auf die Bezeichnung Edition 1, sind ausschließlich silber lackiert und mit allen erdenklichen Optionen ausgestattet. Die ersten Kunden können ihr Boot im April 2018 in Empfang nehmen; gleichzeitig wechseln 2,5 Millionen Euro den Besitzer.

Später wird es andere Farben geben – vermutlich beim AMG GT beliebte Yellow Beam. Auch dunkle und matte Lacke sind geplant. Und es dürfte auch nicht beim Arrow 460 GranTurismo bleiben: Silver Arrows Marine hat weiterreichende Ambitionen.

Kein Wunder, denn das Design von einem unbeschriebenen Blatt Papier aus hat ein Boot geschaffen, das ganz anders ist als sein Wettbewerbsumfeld – und in vielen Punkten auch besser. Willkommen, Daimler, im Kreis der Bootsbauer. Wir wüssten sogar das passende Auto zu diesem Boot: Ein Coupé der S-Klasse.


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