Dass bei der Elektroauto-Manufaktur Tesla Nervosität herrscht, ist kein Geheimnis. Doch jetzt scheinen bei Firmenchef Elon Musk die letzten Sicherungen durchzubrennen. In einer Serie offensichtlich unkontrollierter Botschaften auf dem Portal Twitter legt sich der exzentrische Milliardär mit der gesamten Medienlandschaft an – und droht damit, die Glaubwürdigkeit von Journalisten von der Öffentlichkeit auf einem Portal namens „Pravda“ (Wahrheit) – benoten zu lassen.

Anlass für den Kontrollverlust war die Berichterstattung über die Skandale und Probleme der vergangenen wenigen Wochen. Rekapitulieren wir die Ereignisse:

Tesla

– Am 23. März ist in Kalifornien ein Model X auf „Autopilot“ am hellichten Tage in eine Barriere gerast. Der Fahrer starb, anschließend brach ein Feuer aus, das stundenlang nicht gelöscht werden konnte. Tesla hielt sich nicht an den Schweigecomment während der behördlichen Untersuchung des Unfalls, weshalb die Firma vom Prozess ausgeschlossen wurde. Was sie zu vertuschen suchte.

– Bereits am 2. Mai entgleiste Musk in einer bizarren Telefonkonferenz anlässlich der Präsentation der Vierteljahreszahlen. Er fuhr zwei Analysten über den Mund: „Entschuldigung. Weiter. Langweilige Fragen von Armleuchtern sind nicht cool“, beschied er Tony Sacconaghi von Sanford C. Bernstein & Co auf die Frage nach dem Kapitalbedarf für den Rest des Jahres. Und als Joseph Spak von RBC Capital Market nach der Zahl der Model-3-Reservierungskunden fragte, die das Auto dann tatsächlich konfigurieren, folgte eine schier endlose Kunstpause, bis Musk hervorbrachte: „Wir wechseln zu Youtube. Entschuldigung. Diese Fragen sind so trocken. Sie bringen mich um.“

– Mit „Youtube“ war ein Tesla-Fan gemeint, der Musk – im Gegensatz zu den Analysten – nicht weniger als zwölf Fragen stellen durfte. Der Firmenlenker nutzte die Gelegenheit, sich mit weitschweifigen Ausführungen als Visionär zu profilieren. Und er riet dabei Journalisten, autonome Fahrzeuge gefälligst hochzuschreiben: „Es ist unglaublich verantwortungslos von Journalisten mit Integrität, einen Artikel zu schreiben, der die Menschen zur Annahme bewegen könnte, autonome Fahrzeuge seien weniger sicher. Denn dann könnten Menschen diese Systeme abschalten und sterben.“ Er sei „erbost“ darüber, fügte er hinzu.

– Nur kurz darauf, am 8. Mai, verbrannten zwei Jugendliche in Florida in einem verunfallten Model S, als die Batterien spektakulär Feuer fingen.

– Am 10. Mai verbrannte ein deutscher Tesla-Fahrer bei einem weiteren Unfall in der Schweiz in seinem Model S. Das Auto hatte sich überschlagen und war augenblicklich in Flammen aufgegangen. Die Feuerwehr von Bellinzona spekulierte, die Batterien könnten thermisch durchgegangen sein – ein Prozess, der sich nur durch gewaltige Mengen von Wasser oder das Zuschütten des Autos mit Sand halbwegs unter Kontrolle bringen lässt.

– Und am 11. Mai raste ein Tesla – möglicherweise auf Autopilot – in Utah mit fast 100 km/h in ein Feuerwehrauto. Musk nannte die Berichterstattung „durchgeknallt“.

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– Kurz darauf thematisierte unter anderem der englische „Guardian“ die weit unterdurchschnittlichen Arbeitsbedingungen in den Produktionshallen im kalifornischen Fremont, einer einst führenden, von Toyota und GM gemeinsam betriebenen Fabrik. Dort ist der Zeit- und Erfolgsdruck heute immens, die Zahl der Verletzungen hoch, die Sicherheit unzureichend. Unfälle werden vertuscht und beschwiegen.

– Und das einflussreiche, weithin respektierte Verbrauchermagazin „Consumer Reports“ hat einen Testbericht des Model 3 publiziert, bei dem gravierende Mängel zutage traten. Die Tester kritisierten die umständliche Bedienung als Sicherheitsrisiko und gaben sich schockiert über die mangelhafte Bremsleistung der angeblichen Sportlimousine, die sich auf dem Niveau eines Pickup-Trucks bewegt.

Ein Mann sieht rot

Kein Wunder, dass bei Musk die Schranken fallen. Gestern gewährte er in einer Serie von Twitter-Botschaften Einblicke in seine Gedankenwelt. Dabei bediente er sich einer Form und eines Stils, die gemeinhin dem US-Präsidenten Donald Trump angekreidet werden. Doch Musk, den der US-Blogger Peter De Lorenzo wegen seiner ergebenen Gefolgschaft einst als „St. Elon“ bezeichnete, wird derzeit noch vieles verziehen.

Lassen wir den Milliardär persönlich zu Wort kommen: „Die selbstgefällige Heuchelei der großen Medienkonzerne, die angeblich die Wahrheit verbreiten, in Wirklichkeit aber überzuckerte Lügen publizieren, ist der Grund dafür, dass die Öffentlichkeit sie nicht mehr respektiert“, analysiert Musk. Und bescheidet Andrew Hawkins vom Technologieportal The Verge: „Immer wenn jemand die Medien kritisiert, kreischen die Medien: ‚Sie sind wie Trump!‘ Warum glauben Sie, dass er gewählt wurde? Weil Ihnen niemand mehr glaubt. Sie haben ihre Glaubwürdigkeit schon lange verloren.“

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Musk übersieht bei seiner Tirade, dass es gerade die von ihm gescholtenen Mainstream-Medien waren, die die Elektromobilität überhaupt erst hochgeschrieben haben.

Dafür präsentiert er eine (Verschwörungs-)Theorie: „Das Problem sind Journalisten, die unter permanentem Druck stehen, maximale Klicks zu erhalten und Anzeigengelder zu verdienen – oder gefeuert zu werden. Schwierige Situation, weil Tesla keine Anzeigen schaltet, aber Ölkonzerne und klassische Autohersteller zu den größten Anzeigenkunden der Welt zählen.“

Konsequenzen für die Medien

Anschließend skizziert er einen Plan zur Lösung der Misere: „Ich werde eine Seite kreieren, auf der die Öffentlichkeit den Wahrheitsgehalt jedes Journalisten, jedes Chefredakteurs und jeder Publikation bewerten kann. Ich denke darüber nach, sie „Pravda“ zu nennen…“ Musk weiß: „Selbst wenn Teilen der Öffentlichkeit diese Glaubwürdigkeitsskala egal sein wird, so werden die Journalisten, Chefredakteure und Publikationen sich dafür interessieren. Sie definieren sich darüber.“

Er fährt fort mit der Kritik an automatisierten Computerprogrammen, womit er sich von Trumpschen Verschwörungstheorien entfernt und jenen des Clinton-Lagers annähert; er macht die berüchtigten „Bots“ offenbar für negative Kommentierungen verantwortlich. Anschließend schaltet er eine Twitter-Umfrage über die Sinnhaftigkeit seines „Pravda“-Projekts, wobei er die Antwortoptionen vorgibt: „Ja, das wäre gut“ oder „Nein, die Medien sind phantastisch“. Binnen sechs Stunden haben bereits 317 234 Nutzer teilgenommen (87 Prozent pro, 13 Prozent Contra).

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Daran werden „die Medien“ erst einmal zu knabbern haben, anstatt den Fortschritt zu stören. Dann kann sich Tesla wieder seinen bemerkenswerten Produktplänen widmen: So kündigt Musk auf Twitter eine Hochleistungsvariante des Model 3 an, die „15 Prozent schneller und mit besserem Handling als ein BMW M3“ gesegnet sei: „Wird auf der Rennstrecke alles in seiner Klasse schlagen“. Und sein aufpreispflichtiges Zweimotoren-Konzept preist er allen Ernstes mit dem Argument an: „Das Auto fährt gut, selbst wenn ein Motor kaputtgeht. Hilft dabei, Ihr Ziel zu erreichen und nicht in einer potentiell unsicheren Situation am Straßenrand stehenzubleiben.“

Die mangelhafte Bremse im Model 3 werde innerhalb weniger Tage in Ordnung gebracht. Doch Musk will sich nicht damit begnügen, Bremsanlagen nachzuliefern, die normalen Sicherheitsanforderungen genügen: „Wir werden nicht nachlassen, bis Model 3 bessere Bremsen als jedes nur entfernt vergleichbare Fahrzeug hat“, so der Firmenchef bombastisch.

Unvergleichliche Qualitäten

Und die Kritik an der verheerenden Qualität der aktuell gebauten Modelle wird schon bald nur eine entfernte Reminiszenz sein. Denn bereits im April wies er seine Arbeiter und Angestellten in einer E-Mail an: „Wir werden weitermachen, bis die Herstellungspräzision des Model 3 um den Faktor 10 besser ist als bei jedem anderen Auto der Welt.“

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Wer weiß, vielleicht gibt es sogar wieder einmal etwas vom Wunderauto Roadster (402 km/h – „und das ist die Basisversion“ – Musk) oder vom Wunder-Lastwagen namens „Semi“ zu hören. Er wisse gar nicht, wie viele Bestellungen für den „Semi“ vorlägen, so Musk während der denkwürdigen Analystenkonferenz am 2. Mai. „Vielleicht 2000?“ Man versuche derzeit nicht, das Fahrzeug aktiv zu verkaufen. Das ist erstaunlich wenig für ein Produkt, das laut bisher nicht revidiertem Zeitplan ab 2019 den Schwerlastverkehr revolutionieren soll.

Wenn nicht wieder irgend etwas dazwischenkommt. Beispielsweise die „Pravda“.

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