Deutschland wird die selbst gesteckten ehrgeizigen Klimaziele wohl verfehlen. Grüne und Umweltverbände fordern eine radikale Verkehrswende, um CO2-Emissionen zu reduzieren. Teil des Rezeptes ist die massive Einschränkung individueller Mobilität.

In China wird durch die Nutzung fossiler Brennstoffe allein innerhalb von drei Wochen mehr CO2 in die Luft geblasen als durch den gesamten PKW-Verkehr in der EU innerhalb eines Jahres. Das zeigen Daten des Instituts der deutschen Wirtschaft in Köln. Das Potenzial, das die EU hier zur weltweiten Reduzierung menschengemachter CO2-Emissionen beitragen kann, ist also begrenzt.

BMW i3

Dennoch hat sie sich ehrgeizige Ziele gesteckt. Und die betreffen auch den Straßenverkehr. Der für 2021 beschlossene EU-Grenzwert von 95 Gramm CO2 pro Kilometer bei Neuwagen ist der schärfste der Welt. In China, Japan und den USA sind die Grenzwerte deutlich höher. Und auch nach 2021 dürfte die EU die schärfsten Grenzwerte haben.

Svenja Schulze: Wir werden die Ziele verfehlen

Doch offenbar kollidieren diese CO2-Reduzierungs-Ziele immer öfter mit der Realität. „Es ist bitter für mich, Ihnen sagen zu müssen, dass wir unsere selbstgesteckten Ziele für 2020 verfehlen werden“, bezichtigte sich Bundesumweltministerin Svenja Schulze (SPD) am Montag vor Gästen aus China, Frankreich, Russland, den USA und rund 30 anderen Ländern.

Grüne und Umweltverbände kritisierten Deutschlands Bemühungen als zu klein. Der Bericht müsse Ansporn sein, den Kohleausstieg einzuleiten, forderte Grünen-Chef Hofreiter: „Schmutzige Kohlekraftwerke und Verbrennungsmotoren sind rückständige Technologien, die nicht in ein modernes Deutschland passen.“ Greenpeace nannte den Bericht einen „klimapolitischen Offenbarungseid“ für Angela Merkel (CDU).

Politischer Druck soll auch auf das Verkehrsministerium ausgübt werden. Michael Müller-Görnert vom Umweltverein Verkehrsclub Deutschland (VCD) sagte: „Verkehrsminister Scheuer muss klar sein: Je schwächer die CO2-Vorgaben ausfallen, desto drastischere Maßnahmen muss die Politik auf nationaler Ebene beschließen, um die Klimaziele im Verkehr zu erreichen, zu denen sich Deutschland international verpflichtet hat. Werden Autos nicht deutlich sparsamer und emissionsärmer, muss im Gegenzug die Verkehrsleistung sinken. Dann sind höhere Energiesteuern auf Kraftstoffe und eine fahrleistungsabhängige Pkw-Maut unvermeidbar“, so Müller-Görnert.

Steuern, Maut,Tempolimit

Rechnen müssen die Deutschen wohl nicht nur mit mehr Kosten, sondern auch mit weitreichenden Einschränkungen ihrer individuellen Mobilität – vor allem, wenn es nach den Grünen geht. Das erfuhr Michael Haberland vom Autoclub „Mobil in Deutschland“ aus Politiker-Kreisen. Radikale Maßnahmen zur CO2-Reduzierung im Verkehr hätten auch eine Rolle bei den letztlich geplatzten Verhandlungen der Jamaika-Koalition aus CDU/CSU, FDP und Grünen gespielt, so Haberland.

Audi R8

„Konkret wäre die Konsequenz aus den Forderungen der Grünen gewesen: Maximal Tempo 80 – und zwar auch auf der Autobahn. Dazu hätte es an 26 Wochenenden im Jahr Fahrverbote gegeben“, so Haberland. „Damit hätten wir faktisch individuelle Mobilität in Deutschland abgeschafft“, ärgert sich der Verkehrsexperte. Das Büro des FDP-Abgeordneten Wolfgang Kubicki teilt auf Anfrage von FOCUS Online mit: „Die Punkte waren keine aktive Forderung der Grünen in den Koalitionsverhandlungen, doch sie wären die Konsequenz der energiepolitischen Forderungen der Grünen gewesen“.

Als mögliche Lösung, um die Klimaziele auch ohne radikales Eindampfen des Individualverkehrs noch einzuhalten, wird weiterhin der massive Ausbau der Elektromobilität gehandelt. Doch die ist nicht in allen Fahrzeugsegmenten die „klimaschonendste“ Art der individuellen Fortbewegung, wie der ADAC kürzlich in einer Vergleichsstudie belegt hat.

Je kleiner, desto besser

Sinnvoll wäre es laut ADAC, bei Klein- und Kompaktwagen auf Elektroantrieb zu setzen – allerdings nur dann, wenn das Wägelchen nicht etwa als Zweitwagen mit wenig Kilometerleistung bewegt wird, sondern nur dann, wenn emsig gefahren und nachgeladen wird. „Wird ein Kleinwagen mit wenig Laufleistung als Zweitwagen genutzt (Lebenszyklus: 50 000 km), lohnt sich die E-Variante aktuell in der Ökobilanz nie. Gegenüber dem Benziner läge der Amortisationspunkt bei 80 000 km und gegenüber dem Diesel bei 111 000 km“, rechnet der ADAC kühl vor.

Tesla Model S

Nur als „Erstfahrzeug“ kann das E-Auto selbst im aktuellen deutschen Strommix, der verstärkt auf fossile Energien zurückgreift, punkten. Immerhin habe es bei einer Laufleistung von 150 000 Kilometern mit 150 g CO2/km die beste CO2-Bilanz, sehr knapp vor dem Plug-in-Hybrid und Hybrid. Erdgas (174 g/km), Diesel (186 g/km) und Autogas (188 g/km) folgen“ – laut ADAC. Die Bilanz verschiebe sich umso mehr Richtung Stromer, je mehr regenerative Energien genutzt werden können.

Damit Elektroausbau auch tatsächlich die CO2-Bilanz schnell verbessern, müssten also fossile Kraftwerke abgeschaltet werden – nebst einem massiven Leitungsausbau. Schon lange ist klar, dass Deutschland sein selbstgestecktes Ziel, den CO2-Ausstoß von 1990 bis 2020 um 40 Prozent zu senken, deutlich verfehlt – vermutlich um acht Prozentpunkte. Als Grund gibt die Bundesregierung unter anderem ein stärkeres Wirtschafts- und Bevölkerungswachstum in Deutschland an. Eine kürzlich eingesetzte Kohlekommission soll nun bis Ende des Jahres einen Ausstiegspfad aus der Kohlestrom-Produktion erarbeiten sowie Maßnahmen benennen, mit denen das Land noch möglichst nah an das stolze Ziel herankommen soll.


Dieser Text wird von Focus Online zur Verfügung gestellt


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