Hat Tesla die etablierten Hersteller abgehängt? Dieser Eindruck könnte entstehen, wenn man die atemlose Berichterstattung zum Tesla Model 3 Revue passieren lässt. „Tesla hat die Industrie für immer verändert,“ behauptet das Technologiemagazin The Verge; „ein Hit“, sagt Car and Driver; „Endlich enthüllt“, jubelt Automobile Magazine, und Motor Trend versteigt sich gar zum Urteil: „Das wichtigste Auto des Jahrhunderts“.

35 000 Dollar wird der kleine Tesla kosten, allerdings in einer weitgehend gestrippten Variante. Mit Extras klettert der Preis bis auf 60 000 Dollar. Jetzt hat Tesla die ersten 30 Fahrzeuge ausgeliefert – an handverlesene Mitarbeiter. Geprüft werden können sie noch lange nicht, wenngleich die Journalisten schon einige flotte Runden drehen durften.

469 cm lang ist der Model 3, 185 cm breit und 144 cm hoch; damit liegt er irgendwo zwischen Mercedes-Benz CLA und C-Klasse. Bis zu eine halbe Million Einheiten will Tesla pro Jahr bauen. Muss sich die Branche jetzt warm anziehen?

Was für den Model 3 spricht

– Die Form. Schönheit liegt zwar im Auge des Betrachters, doch Originalität kann man der Fießheck-Limousine nicht absprechen. Man muss weit zurückgehen, um in der Geschichte des Automobils eine Fließhecklimousine mit geschlossener Frontpartie zu finden – etwa zu den VW-Typen 1600 TL oder 411. Die verfügten damals über Heckmotor.

– Das Interieur. Es gibt es Lenkrad und einen riesigen Zentralbildschirm – ansonsten ist das Cockpit völlig leer. Der Look ist äußerst puristisch, die feinziselierten Formen der Konkurrenz sehen dagegen ziemlich alt aus.

– Die Fahrleistungen. Von 0 auf 96 km/h in 5,6 Sekunden, mit größeren Batterien sogar in 5,1 Sekunden: Das sind beachtliche Werte, und auch die Spitze kann sich mit 208 bzw. 225 km/h durchaus sehen lassen. Bleibt offen, wie häufig und wie lange man das Potential nutzen kann, bevor Antrieb und Akkus überhitzen.

– Der experimentierfreudige technische Ansatz. Den „Autopilot“ mit Fähigkeit zum autonomen Fahren gibt es in zwei Stufen (5000 oder 8000 Dollar), und Tesla ist bekannt für seinen aggressiven Ansatz: Was technisch möglich ist, wird auch umgesetzt. Beim größeren Model S und beim Model X ist es möglich, sich lange chauffieren zu lassen, bevor das System vom Fahrer ein Lebenszeichen verlangt.

– Das Image. Tesla gilt als zukunftsweisende Marke und Wegbereiter der E-Mobilität; den etablierten Marken werden die Amerikaner regelmäßig als leuchtendes Beispiel vorgehalten. Politische Würdenträger schätzen den Tesla: Wie alle E-Autos darf er vielerorts umsonst parken, Bus-Spuren nutzen und Subventionen in Anspruch nehmen. Kurzum: Wer Tesla fährt, darf sich im Licht politischer Korrektheit sonnen.

Was gegen den Model 3 spricht

– Die unpraktische Karosserie. Das Fließheck verbirgt keine große Heckklappe, sondern lediglich eine kleine Luke – so wie beim VW Passat der 70er-Jahre. Doch den gab es wenigstens gegen Aufpreis mit Heckklappe.

– Die fragwürdige Zuverlässigkeit. Es ist nur der übergroßen Kundenloyalität zu verdanken, dass sich die schlechte Zuverlässigkeit der aktuellen Tesla-Modelle nicht zum öffentlichen Skandal ausgewachsen hat. Wer in den entsprechenden Foren stöbert, stößt auf zahllose Horror-Stories, doch die Leidensfähigkeit der Elektro-Pioniere ist groß. Mit dem Model 3 tritt Tesla allerdings in den Massenmarkt ein; dort können viele Kunden nicht auf Zweit- oder Drittwagen zurückgreifen.

– Die Lieferzeit. Wer heute einen Model 3 bestellt, wird frühestens Ende 2018 beliefert. Das Ziel, 2017 auf den Markt zu kommen, wurde letzte Woche pro forma zwar erreicht, von einer regulären Serienfertigung kann aber noch keine Rede sein.

– Der Preis. 35 000 Dollar im Einstieg sind ein Statement, knapp 60 000 Euro für ein vollausgestattetes Exemplar sind es ebenfalls. Und von der Perfektion eines Autos der etablierten Premiumhersteller ist der Model 3 auch zu diesem Tarif weit entfernt.

– Die Konkurrenz. Von Opel E-Ampera über den E-Golf bis hin zu den kommenden EQ-Modellen von Mercedes-Benz und dem Audi e-tron quattro stehen eine Reihe von Typen im Handel oder zumindest in den Startlöchern, die dem Tesla in wichtigen Punkten voraus sind.

– Die Umwelt. Wie alle Elektroautos leidet auch der Tesla Model 3 unter einer miserablen Energiebilanz: Von der Rohstoffthematik über die unsaubere Stromerzeugung bis hin zur problematischen Entsorgung ist der Nutzen für die Umwelt nonexistent. Dieses Auto startet mit einer gewaltigen Hypothek ins Autoleben, die es erst nach vielen Jahren aufholen kann. Wenn überhaupt.


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QuelleTesla
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