Der Einfluss der kalifornischen Gesetzgebung auf das moderne Automobil kann kaum überschätzt werden. Die Inversionslage der Metropole Los Angeles sorgte einst für dicke Luft, die Anti-Smog-Gesetze Kaliforniens wurden sukzessive vom Rest Nordamerikas übernommen. Hier wurde in den 1970ern der Katalysator eingeführt. Heute setzt sich Kalifornien an die Spitze der Elektrifizierung: E-Autos dürfen Sonderspuren benutzen, Hersteller wie Tesla werden großzügig alimentiert. Der Küstenstaat darf seine eigenen Regeln aufstellen.

Und man konnte bislang davon ausgehen, dass die Visionen und Entscheidungen des California Air Resources Board (CARB) mit einer gewissen Verzögerung von den anderen US-Staaten übernommen würden; ihr Einfluss ist sogar global zu spüren. Doch mit der kalifornischen Sonderstellung könnte bald Schluss sein. Dies jedenfalls strebt die US-weit agierende Environmental Protection Agency (EPA) an, wie EPA-Chef Scott Pruitt jetzt in einem Interview mit Bloomberg News darlegte.

“Föderalismus bedeutet nicht, dass ein Staat dem Rest des Landes diktiert, wie die Verbrauchsstandards aussehen”, stellte Pruitt fest. CARB-Chefin Mary Nichols dürften dabei die Ohren geklingelt haben. Denn ihre Bürokraten arbeiten bereits an Verbrauchsstandards, die bis ins Jahr 2030 reichen.

EPA-Chef Pruitt hält derart langfristige Vorgaben für wenig sinnvoll: “Jetzt vorherzusagen, was im Jahr 2030 gelten sollte, ist wirklich schwierig,” sagte er dem Nachrichtenkanal: “Ich glaube, es schafft Probleme, wenn man zu aggressiv an das Thema herangeht. Wir verschwenden darauf derzeit nicht übermäßig Zeit.”

Die EPA im Umbruch

In den letzten Wochen der Obama-Regierung hatte die EPA noch hastig versucht, scharfe Verbrauchsstandards für 2022 bis 2025 irreversibel festzuschreiben. So sollte bis 2025 ein Flottenverbrauch von 4,7 l/100 km erreicht werden. Pruitt, von Präsident Donald Trump an der Spitze der EPA installiert, hat sich von dieser Entscheidung bei Amtsantritt umgehend distanziert.

Die Vorgabe dürfte gelockert werden: “Sinn der Verbrauchsstandards ist es, Autos effizienter zu machen, die tatsächlich gekauft werden,” so Pruitt. Und er führte aus: Wenn man die Standards so weit absenkt, dass die Bürger lieber ihre alten Autos behalten als einen unattraktiven Neuwagen zu kaufen, habe man nichts erreicht.

“Nichts neues”, beschied CARB-Chefin Nichols den Bloomberg-Journalisten auf Nachfrage einsilbig. Hinter den Kulissen hatte sie allerdings dem Vernehmen nach angeboten, ihre strengen Vorgaben zu lockern. Im Gegenzug sollte der Planungshorizont bis 2030 erhalten bleiben. Pruitt scheint sich darauf nicht einzulassen, sondern will es auf einen Showdown ankommen lassen.

Die mächtige EPA ist unter Scott Pruitt dabei, ihre Rolle neu zu definieren. So soll auch die Diskussion über das Klima ergebnisoffen geführt werden und kritische Stimmen zu Wort kommen lassen. Im Rahmen dieser Neuausrichtung der EPA haben 2017 etliche Mitarbeiter das Handtuch geworfen.

Der Autoindustrie, die auf ihren nur formal verbrauchsgünstigen Plug-In-Hybriden weitgehend sitzengeblieben ist, dürfte die Aussicht auf ein Verschwinden des Gängelbandes aus Kalifornien allerdings entgegenkommen. Die Aussicht auf gelockerte Verbrauchsvorschriften gibt ihr Luft zum Atmen. Ihre Aktien sind im Nachgang des Pruitt-Interviews gestiegen.


NEWSLETTER ABONNIEREN

Unser Newsletter liefert täglich die neuesten Artikel und die spannendsten Geschichten direkt in Ihr E-Mail-Postfach. Geben Sie uns einfach Ihre E-Mail-Adresse und los geht Ihr kostenloses Newsletter-Abonnement.

Teilen

Kommentieren Sie den Artikel

Please enter your comment!
Please enter your name here