Obwohl Volvo den Stand auf dem Genfer Autosalon heuer einsparte, war die Marke letzte Woche in aller Munde. Und zwar wegen einer Ankündigung, die stark polarisiert. Ab 2020 möchte Volvo mit einer Zwangsabregelung bei nur 180 km/h ein “starkes Zeichen” setzen.

Die Abregelung von Höchstgeschwindigkeiten ist keine neue Idee: Vor rund 30 Jahren einigten sich die deutschen Automobilhersteller, es mit 250 km/h bewenden zu lassen – um angesichts des Debüts der Zwölfzylinder-Modelle eine Tempolimit-Diskussion zu vermeiden. Doch genau diese Diskussion will Volvo-Chef Hakan Samuelsson erst anfachen: “Wir wollen eine Diskussion darüber starten, ob Automobilhersteller das Recht oder vielleicht sogar die Pflicht haben, Technik in ihren Autos zu installieren, die das Verhalten der Fahrer verändert und Fehlverhalten wie zu schnelles Fahren, Drogenkonsum oder Ablenkungen verhindert“.

Hakan Samuelsson

Und er führt aus: “Ab gewissen Geschwindigkeiten reichen aktive und passive Sicherheitstechniken in den Fahrzeugen und eine smarte Infrastruktur nicht mehr aus, um bei einem Unfall Schwerverletzte und Todesfälle zu vermeiden.” Vermeiden? Dies wiederum gibt Anlaß zur Frage, ob die Abregelschwelle nicht viel zu hoch gewählt wurde.

In einem Telefoninterview mit der Webseite Bloomberg legt der 67jährige weiter nach. Auf deutschen Autobahnen sei überhöhte Geschwindigkeit eine Hauptunfallursache, behauptet Samuelsson. Und: “Es gibt keinen Grund, er zu ermöglichen, in einem Volvo schneller als 180 zu fahren.”

Das hat die schwedische Marke früher ganz anders gesehen. Die Geschichte des schwedischen Motorsports ist über ein Jahrhundert alt, Volvo spielt eine wichtige Rolle dabei. Und auch die Fahrer der Straßenfahrzeuge hielt man bereits vor einem halben Jahrhundert für befähigt zur freien Wahl der Geschwindigkeit – auch dann, wenn diese oberhalb von 180 km/h liegt. Mit einer Auswahl von Volvo-Modellen, die mindestens 180 km/h laufen, soll diese Volvo-Historie gewürdigt werden.

Volvo P 1800 ES

Volvo 1800 ES

Mit der 105-PS-Maschine touchierte das im 50er-Jahre-Stil gezeichnete Coupé P 1800 schon 1968 die 180er-Marke, der 1800 E mit 123 PS lief dann glatte 190, genauso wie der P 1800 ES mit seinem futuristischen Glas-Heck. Die robuste Technik sorgte für die Identität von Höchst- und Dauergeschwindigkeit – eine Thema, das mit der Elektrifizierung, ein Leib- und Magen-Thema von Samuelsson, übrigens heute wieder zur echten Hürde wird.

Volvo 164

Volvo 164

Statt einer großen Limousine mit acht Zylindern entschied sich Volvo Mitte der 60er-Jahre, aus der 140er-Baureihe den 164 zu entwickeln – mit langer, klassisch gezeichneter Motorhaube und Reihen-Sechszylinder. Auf den Markt kam der 164 mit 130 PS, später entwickelte das Aggregat bis zu 175 PS. Damit waren mindestens 190 km/h drin, die damals bisweilen auch noch auf der Landstraße ausgefahren werden durften.

Volvo 245 Turbo

Volvo 245 Turbo

Die 240er-Baureihe von Volvo gilt als das Sicherheitsauto schlechthin. Doch für Sicherheit sorgte keine Abregelei, sondern Hardware wie die stabile Karosserie mit Versteifungen, Rückhaltesystemen und gepolsterten Interieurs. Krönung der 240er-Reihe waren die Turbomodelle mit 155 PS, die für die USA zuletzt auf rund 190 PS leistungsgesteigert wurden. Der Verkaufsprospekt des 245 Turbo wurde mit einem schwarzen Kombi bebildert, dessen Hinterräder eine breite Gummispur auf den Asphalt legen. Zweifellos eine Reminiszenz an den Rennsport, wo zweitürige 240 Turbo in der Gruppe A sogar auf über 350 PS kam.

Volvo 360 GLT

Volvo 360 GLT

Selbst der brave 340/360, einst von DAF entwickelt und anfangs nur mit stufenloser Variomatic lieferbar, avancierte nach heutigen Volvo-Maßstäben zum Raserauto: Immerhin 185 km/h liefen in den 80er-Jahren die 360er-Spitzenmodelle mit dem großen Zweiliter-Vierzylinder, der sich in dieser kompakten Karosserie nicht besonders anstrengen musste.

Volvo 760 Turbo

Volvo 760 Turbo

Ursprünglich lief der 1982 vorgestellte 760 GLE mit seinem PRV-Sechszylinder zwar über 180 km/h, mit der obligatorischen Einführung von Automatik und Katalysator sank der Wert jedoch auf nur 175 km/h – ein Armutszeugnis in Zeiten, in denen beispielsweise ein Mercedes-Benz 300 E mühelos 228 km/h erreichte. Volvo erklärte das Defizit nicht etwa zur Tugend, sondern bot alternativ den 182 PS starken 760 Turbo an: Er schaffte immerhin glatte 200.

Volvo 480 ES

Volvo 480

Gerade einmal 95 PS genügten 1986 dem formschönen 480 ES für eine Spitze von 190 km/h, der alternativ angebotene 120 PS starke Niederdruck-Turbo lief 200 km/h. Der ursprünglich für die USA entwickelte Sportkombi blieb fast 10 Jahre lang im Angebot, über den Atlantik kam er nie.

Volvo 780

Volvo 780

In seiner bis zu 200 PS starken Turbo-Variante distanzierte sich der Volvo 780 deutlich von der 180-km/h-Marke. Das in Deutschland nie angebotene, von Bertone gezeichnete Coupé verschwand vom Markt, als die japanische Konkurrenz zu ähnlich hohen Preisen viel modernere Typen auf den Markt brachte. Das abgebildete Modell in der Sonderfarbe rot gehörte dem damaligen Volvo-Chef Pehr Gyllenhammar, einem diskussionsfreudigen Verfechter des skandinavischen Wohlfahrtsstaats.

Volvo 850 T-5 R

Volvo 850

Mit der 850er-Baureihe schwenkte Volvo auch bei den größeren Modellen auf eine frontgetriebene Plattform um, dennoch rückte die Fahrdynamik noch stärker als bisher in den Blickpunkt. Beispielhaft dafür stehen die Fünfzylinder-Turbomotoren, die in ihrer höchsten Ausbaustufe als 850 R letztlich 250 PS erreichten. Glatte 250 km/h betrug auch die Höchstgeschwindigkeit. Heute genießt vor allem der Kombi Kultstatus.

Volvo V70 TDI

Volvo V 70

Er ist mit 200 km/h bereits zu schnell für die Volvo-Zukunft und er zeichnet sich außerdem durch eine andere Besonderheit aus: Der Dieselmotor des 850 TDI sowie des ersten S70 und V70 TDI wurde von Audi in Ingolstadt zugeliefert, wo man sich auf schnelle Selbstzünder versteht. Sogar in der zweiten V70-Generation kam der Audi-Fünfzylinder zum Einsatz, bis Volvo auf Eigenkonstruktionen umschwenkte. Begonnen hatte die fruchtbare Allianz von Volvo und VW-Konzern Ende der 70er-Jahre mit dem 244 GL D6, dessen Sechszylinder-Diesel aus dem VW LT kam.

Volvo XC90

Volvo XC 90 V8

Wer einen Volvo XC90 im Rückspiegel erblickt, sollte die linke Spur räumen: Die schwedische Alternative zum BMW X5 ist gerne und häufig im oberen Geschwindigkeitsbereich unterwegs. Gerade der Antrieb der ersten Modellgeneration steckte voller Finessen: Neben den Reihen-Fünfzylindern nach Diesel- oder Ottoprinzip gab es freisaugende und turboaufgeladene Reihen-Sechszylinder sowie einen von Yamaha gebauten, so durstigen wie klangstarken 4,4-Liter-V8 – siehe oben. Der aktuelle XC 90 hat nur noch Vierzylindermotoren, läuft aber immerhin bis zu 230 km/h schnell.

Volvo XC40

Volvo XC 40

Schnell in die Gegenwart: Noch der schwächste XC40 läuft glatte 200 km/h, das Spitzenmodell mit 247 PS regelt sogar erst bei 230 km/h ab. Allerdings lässt das Fahrverhalten in diesem Geschwindigkeitsbereich zu wünschen übrig, die Abregelung ist unsauber, der Achtstufen-Automat schaltet hektisch. Mit der 180er-Abregelung kann sich Volvo in Zukunft die eigentlich notwendige Feinarbeit im oberen Bereich sparen.

Polestar 1

Polestar 1

Natürlich ist er auch ein Volvo, das Modell 1 der Schwestermarke Polestar. 600 PS und 1000 Nm Drehmoment erreicht dieser Plug-In-Hybrid, und auf Nachfrage läßt man durchblicken, dass er nicht etwas bei 180 km/h abregelt, sondern glatte 250 km/h erreichen dürfte. Eine Entscheidung, welche die moralisierende Argumentation des Herstellers zwar etwas verblassen läßt, aber wohl kaum zu vermeiden war. Denn wer stolze 155 000 Euro für einen Sportwagen hinblättert, möchte sich gewiß nicht auf der rechten Spur einsortieren – um von dort aus nur noch die Rückleuchten hochbetagter Produkte aus dem gleichen Hause bewundern zu können.


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